Der vielsprachige Verstand

Alessia aus Italien forscht auf dem Gebiet der Mehrsprachigkeit, ist selbst mehrsprachig und lebt mit ihrem flämischen Ehemann und ihren zwei mehrsprachigen Kindern in Frankreich. Sie lädt uns zu sich nach Hause ein, um den Klängen der vielen verschiedenen Sprachen zu lauschen, die dort jeden Tag erklingen. Sie lächelt über die Freuden und Herausforderungen, ein Haus zu haben, das mit der Harmonie verschiedener Stimmen gefüllt ist, und bietet uns einen tieferen Einblick in den Übergang von einer einsprachigen zu einer mehrsprachigen Denkweise.

Eine mehrsprachige Familie zu sein – ist das anstrengend?

Ich würde sagen, ja.

Stell dir sich einen ganz normalen Abend vor. Wir haben unsere Nachbarn (100 % Franzosen, einheimisch und reinrassig) zum Abendessen zu Gast. Ihr kleiner Junge, Cèdric spielt mit unseren Kindern im Wohnzimmer.

Wir Erwachsenen sprechen am Tisch Französisch. Und das tun auch unsere Kinder im Wohnzimmer, mit ihren lauten Stimmen, während sie auf den Sofas auf und ab springen. Also sage ich zu meinem Ältesten, der dreieinhalb ist: ‚Non gridate troppo, per favore!‘ („Schrei nicht so viel, bitte!“). Er antwortet: „Nein, Mamma!“ und lacht. Dann kommt mein Mann an die Reihe: „Luist aan mama alsjeblieft! Moet ge een beetje rustig zijn“ („Hör auf deine Mama, bitte! Du sollst ein bisschen leiser sein“). Mein Sohn lacht nur und jetzt rennt er mit seinem kleinen Bruder und ihrem kleinen Freund herum. Ich schaue meinen Mann an und sage ihm auf Englisch: „Lass sie spielen, wen interessiert das schon? Wir leben ja nicht in einem Wohnblock.“ Und wir gehen wieder über zu unserem französischen Gespräch mit unseren französischen Nachbarn.

Das Telefon klingelt – es ist eine spanische Freundin. Ich antworte ihr: „¡Hola tía! ¿Qué tal?“ („Hey Mädel, was gibt’s?“). Sie erzählt mir, dass sie morgen mit ihren Kindern in den Park geht und fragt mich, ob ich mitkommen möchte. „Si, bueno, podría ser. Si los niños no duermen demasiado por la tarde, vamos a ir, ¿vale? Te llamaré. ¡Hasta mañana!“ („Ja, gut, vielleicht. Wenn die Kinder am Nachmittag nicht zu viel schlafen, kommen wir hin, ok? Ich rufe dich an. Wir sehen uns morgen!“). Kurze Zeit später klingelt ein Freund meines Mannes an der Tür, ein Deutscher aus der Schweiz, der ein paar Skier vorbeibringt, die er sich von uns geliehen hat. „Bonsoir!„, sagt er zu allen. Dann wendet er sich an meinen Mann: „Hoi! Merci viel mal, es war mega geil!„.

Siehst du? Nichts Besonderes, einfach ein Abend wie jeder andere für uns, die mehrsprachige Familie. Aber dann fangen die Nachbarn mit ihren Fragen und Kommentaren an (natürlich auf Französisch): „Oh, es ist so gut, dass deine Söhne so viele Sprachen sprechen!“, „Sie haben so ein Glück!“, „Und du? Wie viele sprichst du?“, „Oh, so viele!“, „Und wie hast du diese gelernt?“, „Das Reisen muss dir so leicht fallen!“.

All diese Bemerkungen, Komplimente, Gemeinplätze, die manchmal einen Hauch von Neid erahnen lassen, stören uns nicht. Aber oft frage ich mich: Wenn sie nach Hause in ihre einsprachige Welt zurückkehren, was denken sie dann wirklich über uns? Was würden sie wirklich gerne fragen, aber aus Höflichkeit oder Schüchternheit tun sie es nicht?

Und damit nicht genug – wir reden eigentlich auch über mich, die Ex-Monolinguale von vor etwas mehr als 15 Jahren. Schließlich ist es bequem, in den vier Wänden der eigenen Sprache und der eigenen Heimat zu bleiben, in der Sicherheit einer Welt, in der man dadurch aufgefangen wird, dass man immer alles versteht, in der man selten dafür beurteilt wird, wie man spricht oder sich ausdrückt, und in der Dialekte einen Nachhall der Schönheit einer anderen Sprechweise sind, aber innerhalb der Grenzen einer immer erreichbaren Verständlichkeit.

Ich glaube, man wird dann mehrsprachig, wenn man anfängt, sich von dieser Art, die Welt durch eine einzige Linse zu sehen, losreißt, wenn man anfängt, sie aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen, wenn man offen wird für immer mehr Menschen und immer mehr verschiedene Arten zu leben.

Eine Sprache zu lernen ist sowohl eine komische als auch eine tragische Angelegenheit, besonders wenn man erwachsen ist. Wir Ex-Monolingualen kennen das überwältigende leere Gefühl, in sozialen Situationen nichts zu verstehen, die Peinlichkeit, nicht lachen zu können, wenn andere lachen, und das Gefühl der Angst, das man auf dem scheinbar unendlichen Weg zum Erlernen einer neuen Sprache bekommt. Aber dann schaffen wir es endlich, und wir bekommen die Leichtigkeit, (fast) alles zu verstehen, und die Befriedigung, uns in (fast) allen Situationen ausdrücken zu können, während wir an der bescheidenen Haltung festhalten, die uns geholfen hat, an diesen Punkt zu gelangen. Denn, wie jeder weiß, wenn man mehrsprachig ist, kommt es immer wieder vor, dass einem ein Wort einfach nicht einfällt, das man einfach nicht begreifen kann. Den Weg des Lernens verlässt man nie.

Und ich habe mir auch tausend Fragen gestellt, bevor ich dorthin kam, wo ich heute bin. Als ich an der Universität mit meinem zukünftigen Ehemann zusammen war und wir uns auf Englisch (oder in meinem Fall hauptsächlich auf Italienisch) unterhielten, da keiner von uns die Muttersprache des anderen verstand, dachte ich mir immer: „Aber was mache ich mit meinem schrecklichen Englisch? Wie kann er mich wirklich verstehen? Wie soll er die Nuancen meiner Gedanken verstehen, die ich nur in meiner Muttersprache ausdrücken kann?“

Wenn ich an den einsprachigen Verstand denke, den ich damals hatte, und an den mehrsprachigen, den ich heute habe, kann ich sagen, dass ich in vielerlei Hinsicht gewachsen bin. Es ist nicht nur meine Fähigkeit, im Handumdrehen von einer Sprache in die andere zu springen. Es ist die Schönheit, beim Mittagessen ein Gespräch auf Spanisch zu führen und dann auf Englisch zum Lernen zu gehen, während ich immer noch auf Französisch denke, weil ich am Abend zuvor mit einheimischen Freunden zu Abend gegessen habe. Es ist die spontane Geste, eine SMS auf Deutsch zu schreiben, während man sich mit seinem Kind auf Italienisch unterhält und einen Film in reinstem Englisch anschaut.

Was sich für mich am meisten verändert hat, als ich mehrsprachig wurde, war das Bewusstsein, dass es bei der Kommunikation nicht darum geht, genau das richtige Wort zur richtigen Zeit zu benutzen, und es geht auch definitiv nicht darum, etwas genau so zu sagen, wie ich es vor 20 Jahren gesagt hätte. Das Sprechen mehrerer Sprachen hat mich mehr gelehrt als nur neue Wörter und neue Grammatik. Viel wichtiger ist, dass ich gelernt habe, dass sich auch die Nuancen der Gedanken mit der Sprache, die man gerade spricht, verändern, dass Lernen ein Prozess ist, der nie aufhört, und dass man jemanden erst richtig kennenlernt, wenn man seine Muttersprache spricht.

Eine Fremdsprache zu sprechen bedeutet, dass man versucht, alles, was man weiß, einzusetzen, um das auszudrücken, was man sagen will. Wir konzentrieren uns nicht mehr darauf, wie wir etwas Bestimmtes sagen können, sondern darauf, was wir sagen wollen, wie wir die Botschaft vermitteln können.

Und mein Zuhause ist in der Tat eine kleine Welt für sich – und eine Handvoll. Fehler, Verwechslungen und „Ausleihen“ sind du jour (an der Tagesordnung). Aber es ist eine Art Chaos, in dem wir uns wohlfühlen, in dem sich Sprachen verflechten und jeden Tag neue Welten konstruiert und dekonstruiert werden.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf Italienisch von der talentierten Autorin Alessia, unserer italienischen Muttersprachlerin, verfasst. Dann übernahm unser Linguisten-Team englischer Muttersprachler: Eugen R hat ihn wundervoll transkreiert und Eugenia P anschließend sorgfältig Korrektur gelesen und poliert. Steffi, unsere deutsche Muttersprachlerin, hat ihn dann ins Deutsche transkreiert. Zum Schluss wurde er von unserer liebenswerten Projektmanagerin, Katerina veröffentlicht. Erfahre hier mehr über unseren Schreib- und Übersetzungsservice von Englisch zu Deutsch.

Der vielsprachige Verstand

Alessia aus Italien forscht auf dem Gebiet der Mehrsprachigkeit, ist selbst mehrsprachig und lebt mit ihrem flämischen Ehemann und ihren zwei mehrsprachigen Kindern in Frankreich. Sie lädt uns zu sich nach Hause ein, um den Klängen der vielen verschiedenen Sprachen zu lauschen, die dort jeden Tag erklingen. Sie lächelt über die Freuden und Herausforderungen, ein Haus zu haben, das mit der Harmonie verschiedener Stimmen gefüllt ist, und bietet uns einen tieferen Einblick in den Übergang von einer einsprachigen zu einer mehrsprachigen Denkweise.

Eine mehrsprachige Familie zu sein – ist das anstrengend?

Ich würde sagen, ja.

Stell dir sich einen ganz normalen Abend vor. Wir haben unsere Nachbarn (100 % Franzosen, einheimisch und reinrassig) zum Abendessen zu Gast. Ihr kleiner Junge, Cèdric spielt mit unseren Kindern im Wohnzimmer.

Wir Erwachsenen sprechen am Tisch Französisch. Und das tun auch unsere Kinder im Wohnzimmer, mit ihren lauten Stimmen, während sie auf den Sofas auf und ab springen. Also sage ich zu meinem Ältesten, der dreieinhalb ist: ‚Non gridate troppo, per favore!‘ („Schrei nicht so viel, bitte!“). Er antwortet: „Nein, Mamma!“ und lacht. Dann kommt mein Mann an die Reihe: „Luist aan mama alsjeblieft! Moet ge een beetje rustig zijn“ („Hör auf deine Mama, bitte! Du sollst ein bisschen leiser sein“). Mein Sohn lacht nur und jetzt rennt er mit seinem kleinen Bruder und ihrem kleinen Freund herum. Ich schaue meinen Mann an und sage ihm auf Englisch: „Lass sie spielen, wen interessiert das schon? Wir leben ja nicht in einem Wohnblock.“ Und wir gehen wieder über zu unserem französischen Gespräch mit unseren französischen Nachbarn.

Das Telefon klingelt – es ist eine spanische Freundin. Ich antworte ihr: „¡Hola tía! ¿Qué tal?“ („Hey Mädel, was gibt’s?“). Sie erzählt mir, dass sie morgen mit ihren Kindern in den Park geht und fragt mich, ob ich mitkommen möchte. „Si, bueno, podría ser. Si los niños no duermen demasiado por la tarde, vamos a ir, ¿vale? Te llamaré. ¡Hasta mañana!“ („Ja, gut, vielleicht. Wenn die Kinder am Nachmittag nicht zu viel schlafen, kommen wir hin, ok? Ich rufe dich an. Wir sehen uns morgen!“). Kurze Zeit später klingelt ein Freund meines Mannes an der Tür, ein Deutscher aus der Schweiz, der ein paar Skier vorbeibringt, die er sich von uns geliehen hat. „Bonsoir!„, sagt er zu allen. Dann wendet er sich an meinen Mann: „Hoi! Merci viel mal, es war mega geil!„.

Siehst du? Nichts Besonderes, einfach ein Abend wie jeder andere für uns, die mehrsprachige Familie. Aber dann fangen die Nachbarn mit ihren Fragen und Kommentaren an (natürlich auf Französisch): „Oh, es ist so gut, dass deine Söhne so viele Sprachen sprechen!“, „Sie haben so ein Glück!“, „Und du? Wie viele sprichst du?“, „Oh, so viele!“, „Und wie hast du diese gelernt?“, „Das Reisen muss dir so leicht fallen!“.

All diese Bemerkungen, Komplimente, Gemeinplätze, die manchmal einen Hauch von Neid erahnen lassen, stören uns nicht. Aber oft frage ich mich: Wenn sie nach Hause in ihre einsprachige Welt zurückkehren, was denken sie dann wirklich über uns? Was würden sie wirklich gerne fragen, aber aus Höflichkeit oder Schüchternheit tun sie es nicht?

Und damit nicht genug – wir reden eigentlich auch über mich, die Ex-Monolinguale von vor etwas mehr als 15 Jahren. Schließlich ist es bequem, in den vier Wänden der eigenen Sprache und der eigenen Heimat zu bleiben, in der Sicherheit einer Welt, in der man dadurch aufgefangen wird, dass man immer alles versteht, in der man selten dafür beurteilt wird, wie man spricht oder sich ausdrückt, und in der Dialekte einen Nachhall der Schönheit einer anderen Sprechweise sind, aber innerhalb der Grenzen einer immer erreichbaren Verständlichkeit.

Ich glaube, man wird dann mehrsprachig, wenn man anfängt, sich von dieser Art, die Welt durch eine einzige Linse zu sehen, losreißt, wenn man anfängt, sie aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen, wenn man offen wird für immer mehr Menschen und immer mehr verschiedene Arten zu leben.

Eine Sprache zu lernen ist sowohl eine komische als auch eine tragische Angelegenheit, besonders wenn man erwachsen ist. Wir Ex-Monolingualen kennen das überwältigende leere Gefühl, in sozialen Situationen nichts zu verstehen, die Peinlichkeit, nicht lachen zu können, wenn andere lachen, und das Gefühl der Angst, das man auf dem scheinbar unendlichen Weg zum Erlernen einer neuen Sprache bekommt. Aber dann schaffen wir es endlich, und wir bekommen die Leichtigkeit, (fast) alles zu verstehen, und die Befriedigung, uns in (fast) allen Situationen ausdrücken zu können, während wir an der bescheidenen Haltung festhalten, die uns geholfen hat, an diesen Punkt zu gelangen. Denn, wie jeder weiß, wenn man mehrsprachig ist, kommt es immer wieder vor, dass einem ein Wort einfach nicht einfällt, das man einfach nicht begreifen kann. Den Weg des Lernens verlässt man nie.

Und ich habe mir auch tausend Fragen gestellt, bevor ich dorthin kam, wo ich heute bin. Als ich an der Universität mit meinem zukünftigen Ehemann zusammen war und wir uns auf Englisch (oder in meinem Fall hauptsächlich auf Italienisch) unterhielten, da keiner von uns die Muttersprache des anderen verstand, dachte ich mir immer: „Aber was mache ich mit meinem schrecklichen Englisch? Wie kann er mich wirklich verstehen? Wie soll er die Nuancen meiner Gedanken verstehen, die ich nur in meiner Muttersprache ausdrücken kann?“

Wenn ich an den einsprachigen Verstand denke, den ich damals hatte, und an den mehrsprachigen, den ich heute habe, kann ich sagen, dass ich in vielerlei Hinsicht gewachsen bin. Es ist nicht nur meine Fähigkeit, im Handumdrehen von einer Sprache in die andere zu springen. Es ist die Schönheit, beim Mittagessen ein Gespräch auf Spanisch zu führen und dann auf Englisch zum Lernen zu gehen, während ich immer noch auf Französisch denke, weil ich am Abend zuvor mit einheimischen Freunden zu Abend gegessen habe. Es ist die spontane Geste, eine SMS auf Deutsch zu schreiben, während man sich mit seinem Kind auf Italienisch unterhält und einen Film in reinstem Englisch anschaut.

Was sich für mich am meisten verändert hat, als ich mehrsprachig wurde, war das Bewusstsein, dass es bei der Kommunikation nicht darum geht, genau das richtige Wort zur richtigen Zeit zu benutzen, und es geht auch definitiv nicht darum, etwas genau so zu sagen, wie ich es vor 20 Jahren gesagt hätte. Das Sprechen mehrerer Sprachen hat mich mehr gelehrt als nur neue Wörter und neue Grammatik. Viel wichtiger ist, dass ich gelernt habe, dass sich auch die Nuancen der Gedanken mit der Sprache, die man gerade spricht, verändern, dass Lernen ein Prozess ist, der nie aufhört, und dass man jemanden erst richtig kennenlernt, wenn man seine Muttersprache spricht.

Eine Fremdsprache zu sprechen bedeutet, dass man versucht, alles, was man weiß, einzusetzen, um das auszudrücken, was man sagen will. Wir konzentrieren uns nicht mehr darauf, wie wir etwas Bestimmtes sagen können, sondern darauf, was wir sagen wollen, wie wir die Botschaft vermitteln können.

Und mein Zuhause ist in der Tat eine kleine Welt für sich – und eine Handvoll. Fehler, Verwechslungen und „Ausleihen“ sind du jour (an der Tagesordnung). Aber es ist eine Art Chaos, in dem wir uns wohlfühlen, in dem sich Sprachen verflechten und jeden Tag neue Welten konstruiert und dekonstruiert werden.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf Italienisch von der talentierten Autorin Alessia, unserer italienischen Muttersprachlerin, verfasst. Dann übernahm unser Linguisten-Team englischer Muttersprachler: Eugen R hat ihn wundervoll transkreiert und Eugenia P anschließend sorgfältig Korrektur gelesen und poliert. Steffi, unsere deutsche Muttersprachlerin, hat ihn dann ins Deutsche transkreiert. Zum Schluss wurde er von unserer liebenswerten Projektmanagerin, Katerina veröffentlicht. Erfahre hier mehr über unseren Schreib- und Übersetzungsservice von Englisch zu Deutsch.