Vielsprachigkeit als Heimat

Unser italienischer Übersetzer Mariano lebt als Expat in Frankreich. Im folgenden Artikel sinniert er über Liebe und Tod beim Überqueren der Pont de l’Alma in Paris – und zwar in allen Sprachen, die in seinem Herzen wohnen.

Meine Großmutter verstarb nur wenige Tage nach Weihnachten. Einige Tage vor ihrem Tod flog ich von Paris, wo ich lebe, nach Mailand, wo meine Freundin wohnt. Von dort nahm ich einen Zug nach Piacenza, wo meine Familie wohnt. Und von dort aus fuhren wir alle gemeinsam im Morgengrauen des Weihnachtstages nach Neapel, wo ich geboren wurde und meine Großmutter noch immer lebte.

Früher hatte ich einmal für kurze Zeit im Haus meiner Großmutter gelebt. Die Schule, die ich besuchte, war nur einen Steinwurf von ihrem Haus entfernt und jeden Morgen sagte sie mir, ich solle meinen mottino essen. (Erst ein paar Jahre später fand ich heraus, dass es das Wort mottino im Italienischen gar nicht gibt und meine Klassenkameraden im Norden des Landes hatte keine Ahnung, was das war). Wenn ich von der Schule nach Hause kam, aßen wir colezione — und es gab zwei Dinge, die ich einfach nicht verstand: Zum einen, warum meine Großmutter es colazione nannte (mit diesem seltsamen a, das eher wie ein e ausgesprochen wird), was Frühstück bedeutet, und nicht pranzo, also Mittagessen. Und zum anderen: Warum sie mir jedes Mal sagte, sie habe maccheroni gemacht, nur um dann doch normale Spaghetti aufzutischen. Am Ende eines jeden Tages sagte sie mir, ich solle coricare gehen – ein weiteres Wort, das für mich seltsam klang, denn meine Eltern hätten für „schlafen“ stattdessen dormire gesagt.

Und jetzt da ich ihre Stirn geküsst und mich von ihr ein letztes Mal im Leichenschauhaus des Krankenhauses verabschiedet habe, kehre ich Neapel erneut den Rücken zu und damit auch der Zweisprachigkeit meiner Kindheit (eigentlich war es sogar eine Art Dreisprachigkeit: Neapolitanisch, Italienisch und dieses eigentümliche Italienisch, das nur in meiner Familie gesprochen wurde, gespickt mit Worten, die es weder im richtigen Italienisch noch im Neapolitanischen gab). Ich kehre zurück zu einer Mehrsprachigkeit, die seit Jahren mein Zuhause ist.

Nach diesen Tagen in Italien finde ich mich zurück in Frankreich erneut im sprachlichen Strudel meines Alltags gefangen: Das Neapolitanisch schwirrt mir nach der Zeit in Neapel noch im Kopf herum, das Italienisch, in dem ich denke, das Französisch das ich spreche, das Englisch, das ich fast täglich lese und schreibe, das Spanisch meiner Pariser Freunde (und bei manchen Katalanisch). Mehrsprachigkeit als Heimat, Übersetzung so natürlich wie Atmen. Meine Gedanken schweifen erneut ab – ich weiß nicht warum – zu dem coricare, das meine Großmutter immer sagte und das sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Und plötzlich verstehe ich, dass es nichts weiter, als die wortwörtliche Übersetzung des neapolitanischen Wortes cuccà („ins Bett gehen“) war. Wie Renato Carosone sang: „Mo‘ vene Natale, nun tengo denare, me leggio ‚o giurnale e me vado a cuccà“ („Weihnachten steht vor der Tür, ich habe kein Geld, ich lese die Zeitung und gehe schlafen“). „Schlafen gehen“ heißt auf Französisch coucher, was sehr ähnlich ist, denn es hat denselben Ursprung.

Aber coucher bedeutet auch mit jemandem „schlafen“. „Voulez-vous coucher avec moi?“ — diesen Satz kennt wohl jeder, selbst wenn er kein Wort Französisch spricht. Und dieser hat definitiv nichts damit zu tun, schlafen zu gehen. Die französische Sprache ist voll von diesen Euphemismen, diesen „falschen Freunden“, die der italienische Emigrant nach seiner Ankunft lernen muss – oder zumindest bewusst so tun muss, als ob er sie nicht kennt, wenn er sich dadurch Vorteile erhofft. Die Franzosen scheinen so viele Probleme damit zu haben, die Körperteile richtig zu verorten: soutien-gorge hat ganz und gar nichts mit der Kehle (la gorge) zu tun, sondern mit den Brüsten – es handelt sich dabei nämlich um den BH. Wenn ich euch verrate, dass sie mit dem Ausdruck ferme ta gueule, nicht meinen: „schließe deinen Mund“, damit du erstickst, sondern eher „halte deine Klappe“, damit du aufhörst zu reden. Und wenn du das Gefühl hast, dich übergeben zu müssen, dann hast du laut den Franzosen mal au coeur („eine Krankheit des Herzens“) oder eine crise de foie („Krise der Leber“).

Aber wenn es um Liebe und Zuneigung geht, muss man mit der Sprache noch mehr aufpassen. Die Bedeutung eines jeden Wortes verändert sich: embrasser bedeutet „umarmen“, aber auch „küssen“; baiser, wiederum bedeutet „küssen“, aber auch etwas sehr viel Intimeres, was dem Rest der Welt als „Liebe machen“ bekannt ist: fare l’amore, hacer el amor, faire l’amour.

Als kleiner Junge in Neapel hörte ich die Leute oft über fà ammore sprechen. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie sie sagten, dass ein junger Onkel dies seit vielen Jahren tue (faciva ammore) — seit zu vielen! Dies bedeutete jedoch nicht, dass er einer bestimmten amourösen Tätigkeit zu viel nachging, sondern dass er und seine Verlobte ihre Hochzeit zu lange hinausgeschoben hatten. Auch ich wurde gefragt, ob ich schon mit fà ammore angefangen hätte. Das lag daran, dass in Neapel fà ammore einfach bedeutet, zusammen zu sein/Zeit miteinander zu verbringen. Als ich 12 oder 13 war, hat mich diese Frage immer verlegen gemacht, aber heute hätte ich sicher kein Problem mehr damit, sie zu beantworten.

Ich denke über diese sprachlichen Kreuzungen, diese Wendungen nach, als ich auf dem Weg zur Arbeit allein über die Pont de l’Alma laufe. Die Seine fließt an meiner Seite, angeschwollen nach den jüngsten Regenfällen. Der Eiffelturm erhebt sich vor mir, weiter rechts. Mein Weg und meine zahlreichen Gedanken haben mich von Kindheitserinnerungen zu den Fragen eines menschlichen Lebens und vom Tod zur Liebe geführt: Liebe, wie sie versucht wird, Liebe, wie sie gemacht wird, Liebe, wie man über sie spricht. Wie Simon und Garfunkel in Kathy’s Song, so denke auch ich, wenn der Regen fällt, an den fernen Ort, „wo mein Herz liegt“. Aber in welcher Sprache ist dieser Gedanke? Ich bin mir nicht mehr ganz so sicher.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf Italienisch von dem talentierten Autor Mariano D’Ambrosio, unserem italienischen Muttersprachler, verfasst. Dann übernahm unser Linguisten-Team englischer Muttersprachler: Eugen R hat ihn wundervoll transkreiert und Eugenia P anschließend sorgfältig Korrektur gelesen und poliert. Steffi, unsere deutsche Muttersprachlerin, hat ihn dann ins Deutsche transkreiert. Zum Schluss wurde er von unserer liebenswerten Projektmanagerin, Katerina veröffentlicht. Erfahre hier mehr über unseren Schreib- und Übersetzungsservice von Englisch zu Deutsch.